Jetzt bin ich ganz offiziell voll krank und lasse mich behandeln. Einmal die Woche Gesprächsgruppentherapie. Einmal die Woche Entspannungs- und Lichttherapie. Und einmal die Woche Psychotherapie mit einer voll süßen und voll coolen 29-jährigen Therapeutin. Da fällt mir ein, sie könnte das lesen. Hallo Frau Dr. M.!:)
Neue Tabletten habe ich auch bekommen. Trivilor, so nude-pinke Kapseln mit einer W auf der Seite. Zu schade zum schlucken. Fluoxetin (auch als Prozac bekannt), das ich früher genommen habe, ist out. Außerdem zerstört er mein Leber.
Ich soll nicht: alles tun, was unangenehm oder anstrengend ist, bei dem neuen Job anfangen, mich überlasten (oder überhaupt belasten), trinken, rauchen (letzteres habe ich mir selbst verschrieben).
Ich soll: alles tun, was für mich angenehm oder entspannend ist, suchen, was mir evtl. Freude machen kann, mich ausruhen und warten, bis die Medikamente anschlagen (das Wichtigste).
Die Gesprächsgruppe besteht aus den Leuten in ihren vierzigern und älter. Ihre Probleme sind schleche Ehen, versagte Karrieren und gemeine Kinder. Ich fühle mich dort wie ein Kind. Trotzdem sagen die mir, ich wäre keins. Besonders oft die aggressive Bürstenschnitt-Lesbe, die allen so gute Ratschläge gibt, aber über sich selbst nie was erzählt. Die Parasitin.
Letztes mal saßen wir wie immer im Kreis und jeder sollte was sagen. Ich wäre die letzte am Ende der Sitzung. Habe mir aufmerksam alle angehört. Dem meisten konnte ich nicht folgen. Die Probleme mit den Büroangestellten, Chef und Stimmung. Schwermut und Einsamkeit. Innere Blockaden. Der Sohn will nicht in die Schule gehen. Misslungener Selbstmordversuch durch das Verzehren von einer Zigarette. Und plötzlich war die Stunde um. Aber nächstes mal bin ich direkt dran. Meine Probleme sind im Vergleich eher Problemchen. Da geben die Großen gerne viele Ratschläge. Und ich nehme sie zur Kenntnis. Auf die meisten wäre ich auch selbst gekommen, aber ich bin höflich und höre zu.
Die Sessel sind sehr tief und bequem. Dunkelgraues Leder. Man legt sich hinein und hört zu. Das ist die Entspannungstherapie. Die Stimme in dem Lautsprecher ist einschläfernd, hätte ich nicht eine Sitzung aufwühlender Psychotherapie davor, wäre ich weg. Aber die Tränen der Selbstmitleid tropfen von meinem Gesicht auf den Boden. „Ihr Kindheit war kein Zuckerschlecken“, sagte Sie zu mir.
Die Lichttherapie heisst, man senzt sich vor einer Tageslichtlampe, nimmt sich eine Zeitschrift und wartet, bis der Hirn das Positivität des Liches durch das Auge aufnimmt. Danach geht man raus in die Dunkelheit und fährt nach Haus.







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